Christlich mit Geld umgehen – geht das überhaupt?
Ein Beitrag von Prof. Dr. Johannes Hoffmann.
Alles, was grundsätzlich dazu gesagt werden kann, ist schnell angeführt. Wenn es nach der Ansicht des hl. Franziskus geht, dann ist der Umgang mit Geld zu vermeiden. Nicht von ungefähr verlangt er von allen, die seiner Regel folgen, das Armutsgelübde. Das müssen zwar ganz normale Christen nicht befolgen, aber das, was im Alten Testament und im Neuen Testament nachzulesen ist, ist ganz schön radikal.
Da findet sich ein “regelmäßiger Schuldenerlass im Sabbatjahr (also alle sieben Jahre = Einfügung durch Verfasser) und Verbot jeglicher Zinsnahme bei Armen”, also bei “in ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit bedrohten Personen und Familien”.[1] Diese Auffassung wurzelt im Gottesverständnis Israels, das alle Menschen als Gottes Ebenbilder sieht, die von Gott als frei wollende Partner seiner selbst geschaffen sind. Die damit gegebenen Freiheitsrechte müssen garantiert werden. Auch arme und verschuldete Menschen dürfen nicht um des Geldes oder der Gewinnmaximierung anderer willen dieser Freiheit beraubt werden. Daher wird durch Zinsverbot und gesetzlichem Schuldenerlass im Sabbatjahr diesem Freiheitsverständnis Rechnung getragen. Im Neuen Testament wird diese Auffassung nicht zurückgenommen, sondern eher verschärft. Um nur zwei ganz markante Stellen zu nennen, die wir alle kennen: Im Matthäusevangelium: “Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon” (Mt 6,24). Hier wird jeder Christ vor die Entscheidung gestellt, was ihm wichtig ist. Wer im täglichen Leben in seinem Handeln das Geld zum zentralen Wert macht, der dient nicht Gott, sondern setzt an dessen Stelle das Geld als Götzen ein. Noch radikaler wird das in der Vaterunser-Bitte (Mt 6,12) herausgestellt: “… und erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir erlassen haben unseren Schuldnern”. Dabei ist zu beachten bei der Bitte an Gott, dass im griechischen Text für die Schulden, die wir bei ihm haben, auch der Begriff “ökonomische Schulden” verwendet wird. Wenn also Gott den Menschen immer wieder von Schuld befreit, dann “schulden die Menschen einander Entschuldung … und Verteilungsgerechtigkeit … und ein ökonomisches Verhalten, das befreit aus Verarmung und Abhängigkeit durch aktive Mitwirkung zugunsten größerer Verteilungsgerechtigkeit”.[2]
Im Grunde hat dies bereits Aristoteles vor Augen, wenn er zwischen Geld als Tauschmittel und Geld als Geldkapital unterschied und daraus folgerte, dass sich aus der Rolle des Geldes als Kapital eine ganz andere Wirtschaftsweise ergibt, nämlich Kapitalismus. Dieser bedeutet eine Absolutsetzung des Geldes. Geld wird zum letzten Bezugspunkt aller Werte – biblisch gesprochen zum Mammon –, also zum Götzen erhoben. Das kann auch bei Christen schnell geschehen. Davor ist keiner sicher. Wer das Geld zu seinem letzten Bezugspunkt macht, der betreibt eine Umwertung aller Werte. So wird z.B. das Verhältnis zwischen Personen zu einem durch Geld vermittelten Verhältnis, weil sich ja dann zwischen die Personen das Geld schiebt und der jeweils Andere vorrangig an seinem Geldwert gemessen wird. Geld wird auf diese Weise verwandelt von einem Mittel zum letzten Zweck. Damit nimmt das Geld quasi religiöse Züge an.[3] Ja, es übt kultische Faszination aus, es verlangt Verehrung, Feste und Events. Das Bereicherungsprinzip wird unausweichlich. Das Hauptgebot des Götzen Geld fordert von den Menschen ständige Leistungssteigerung, Wachstum, Modernisierung etc. Wenn wir das alles befolgen, wird uns vom Götzen Geld Reichtum, Glück, Freiheit, Bewunderung und Erfolg verheißen. Als ein Zeichen für die Vergötzung des Geldes kann man die 1-Dollar-Note betrachten. Es steht zwar in der Mitte “In God we trust”, aber links davon ist die Pyramide des Illuminatenordens mit dem freimaurerischen allsehenden Auge Gottes abgebildet und darunter die Inschrift: “Novus ordo saeclorum”, Neue Weltordnung. Mit anderen Worten: Das Geld beinhaltet die neue Weltordnung und ist so der Gott, dem wir dienen sollen. Theologisch gesprochen: Wenn Sakramente Zeichen der Nähe Gottes sind, dann ist der, der genügend Geld (besser Geld im Überfluss) hat, im Besitz aller Gnaden des Kapitalismus. Christen dürfen sich einer solchen vom Geld definierten Weltordnung nicht anschließen. Geld darf niemals zum Selbstzweck werden, vielmehr soll es nach christlicher Auffassung ein Mittel sein, das die Menschen gebrauchen, um die Versorgung aller mit Gütern für eine menschenwürdige Lebensweise zu ermöglichen.
So hat sich das auch Thomas von Aquin gedacht. Ganz im Sinne unseres Schöpfungsglaubens vertrat er die Ansicht, dass die Menschen die Welt von Gott als Lehen erhalten haben, damit alle einen hinreichenden Anteil am Gemeingut Erde zum Gebrauch bekommen. Privateigentum ist nach Thomas von Aquin kein Naturrecht. Niemand darf die Güter dieser Erde als sein Privateigentum betrachten. Die private Zuteilung der Erdengüter ist nur dann erlaubt, wenn – und solange – dadurch der Gemeingebrauch der Güter für alle besser ermöglicht werden kann.
Im Grunde spiegelt sich diese Grundauffassung auch im Konzept vom Geld in einer sozialen Marktwirtschaft wider: Geld ist danach eine soziale Institution, von der Regierung eines Staatswesens, bei uns der EU, geprägt und von der Arbeitsleistung der Vielen in seinem Wert erhalten. Daher ist auch im Grundgesetz-Artikel 14,2 die Sozialpflichtigkeit des Eigentums betont.
Welche Folgerungen ergeben sich daraus für den Umgang der Christen mit Geld? Wie uns die Finanzkrise lehrt, leben wir in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, d.h. in einem System, in dem das Geldkapital Vorrang hat vor allen anderen Werten, vor Natur, Mensch, Arbeit, Gemeinwohl, Gemeingebrauch der Güter etc. Dieses System gilt es abzuschaffen und jeder/jede von uns kann dazu einen Beitrag leisten. Kapitalismus ist wie alle Systeme oder auch Mechanismen, Ergebnis sozialer Prozesse in unserer und der Weltgesellschaft. Daher kann es durch soziale Prozesse in den Kulturen geändert werden. Wir müssen es nur wollen. Ein erster Schritt für Christen wäre, jeder für sich und gemeinsam der Banalität des Weitermachens durch kreative Veränderung widerstehen. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass wir uns dem Kapitalismus gleichgeschaltet haben, dass wir aus dem “falschen” Leben aufbrechen, ausziehen müssen – wie die Israeliten aus Ägypten. Das aber verlangt von uns eine Veränderung unseres Handelns, unserer Praxis. Vielleicht kann uns ein Ausschnitt aus der berühmten “Konvergenzerklärung von Lima” aus dem Jahr 1982 zeigen, wie soziale Probleme ein Wesenselement des Christentums untergraben können: “… Die Eucharistie nimmt den Gläubigen hinein in das zentrale Geschehen der Geschichte der Welt. Als Teilnehmer an der Eucharistie erweisen wir uns daher als unwürdig, wenn wir uns nicht aktiv an der ständigen Wiederherstellung der Situation der Welt und der menschlichen Lebensbedingungen beteiligen”[4]. In der Eucharistie feiern wir die Erinnerung an die Menschwerdung Gottes und seine reale Gegenwart in unserer Mitte. Hier ist der Ort, an dem wir unser weltliches Handeln, unseren Umgang mit Geld überdenken müssen. Wenn uns am Ende der Eucharistiefeier zugerufen wird: “Geht hin in Frieden”, dann sollen wir uns mit diesem Anruf als Verwandelte auf den Weg zurück in die Welt begeben und diesem Frieden auch mit unserem Geld dienen.
Natürlich gilt auch hier der zentrale ethische Grundsatz von Thomas von Aquin: “Über das Können hinaus kann niemand sittlich beansprucht werden”. Aber wir sind gehalten, uns kundig zu machen, was wir im Umgang mit Geld besser machen können. Wir können uns gegen den Vorrang des Kapitals in unserem Wirtschaftssystem wehren, so den Kapitalismus ausbremsen und auf die Gestaltung einer nachhaltigen Marktwirtschaft hinwirken. Das beginnt damit, dass wir beim Kauf von Produkten, von Gemüse angefangen über das Auto bis zum Einfamilienhaus darauf achten, dass bei der Herstellung und beim Vertrieb keine Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Wir können durch unser Kaufverhalten dezidiert Unternehmen fördern, die sich für Klimaschutz, Menschenrechte, gerechte Entlohnung etc. einsetzen. Wir können auch bei solchen Banken unsere Konten einrichten, die nur in solche Unternehmen investieren, die sich in ihrem Handeln an Nachhaltigkeitszielen orientieren.
Das nationale und internationale Wettbewerbsrecht ermöglicht es Unternehmen, sich durch Abwälzung von Kosten gegenüber denen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, die die Nachhaltigkeitsziele einhalten. Das darf nicht so weitergehen. Vielmehr sollten wir durch unser Kaufverhalten, durch öffentliche Stellungnahmen und durch unser Wahlverhalten dafür sorgen, dass das Wettbewerbsrecht geändert und an Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet wird[5].
Dem Vorrang des Kapitals in unserer Wirtschaft wird auch durch eine Steuerpolitik stattgegeben, die die Belastung der hohen Einkommen und der Einkünfte aus Kapitalvermögen ständig weiter senkt. Wir dürfen nur die Politiker und Parteien wählen, die sich dafür einsetzen, dass über die Steuer für Lastenausgleich, Verteilungsgerechtigkeit und die Sicherung einer sozialen Marktwirtschaft gesorgt wird.
Die Bereichungsinteressen des großen Geldes, wie wir sie am Verhalten der Deutschen Bank unter Josef Ackermann beobachten können, der für das Eigenkapital hohe Renditeziele (=…25%) ansteuert, sind in den letzten Jahren durch massiven Missbrauch des Gemeinguts Finanzmärkte realisiert worden[6]. Die dadurch gesteigerten Gewinnerwartungen haben auf die reale Produktion einen Realisierungsdruck ausgeübt, dem diese nur durch Externalisierung der Produktionskosten und Arbeitsplatzvernichtung nachkommen konnte, also zu Lasten der Allgemeinheit.
Neben dem permanenten Kampf gegen angemessene Steuern wird das Kapital durch Zins und Zinseszins in seinem Vorrang gegenüber Natur und Mensch gestärkt. Im Zins stecken neben berechtigten Elementen wie Spesenabgeltung, Risikoprämie und Inflationsausgleich auch die unethischen Elemente der Bereicherung und des Mehrwetrtes.[7] Diese werden geschwächt, wenn die Unternehmen und ihre Mitarbeiter gezwungen werden, die bisher auf Umwelt und Gesellschaft abgewälzten Kosten selbst zu tragen. Die ethisch-ökologische Geldanlage ist dafür eine Voraussetzung. Denn wenn die Geldgeber damit einverstanden sind, dass die Unternehmen die Externalisierung unterlassen, so wird es auch für die Politik leichter, dies durch geeignete Regeln insbesondere des Wettbewerbsrechts zu sichern.[8]
Darüber muss man nachdenken. Nachhaltige Geldanlage scheint in unserem sozio-ökonomischen Kontext eine Form zu sein, dem Zinsverbot im Alten und im Neuen Testament, das in der Katholischen Kirche noch im Kirchenrecht (CIC) von 1915 enthalten war, der bis 1982 in Kraft war, zu entsprechen. Wie wir gesehen haben, wurde das Zinsverbot sozialethisch begründet. Es sollte die Bereicherung weniger und die Verarmung vieler verhindern, wie sie in den letzten Jahren wieder eingetreten ist und wie wir anhand der Finanzkrise sehen, zur Umweltvernichtung und in die Klimakatastrophe führt.. Sind wir Christen da nicht gerufen, uns an die biblischen Zins- und Entschuldungsgebote wieder zu erinnern und im Umgang mit Geld und Kapitalanlagen unsere eigenen Zinserwartungen auf ein berechtigtes Maß zurückzuschrauben, wie es bei der nachhaltigen Geldanlage erfüllbar ist?
[1] Lücker, Claus F. Zinsverbot und Schuldenerlass. Eine bibeltheologisch-sozialgeschichtliche Studie zur Frage nach ethischen Kriterien für Kapitalanlagen kirchlich-institutioneller Anleger in Deutschland, Frankfurt 1999, S. 192.
[2] Ders. Ebd., S. 260.
[3] Vgl. Simmel, Georg, Philosophie des Geldes. Gesamtausgabe 6, hrsg. Von: Frisby, David P. und Köhnke, Klaus Christian, 1. Aufl. 1989, S. 305.
[4] Lima-Papier: Taufe, Eucharistie und Amt, Frankfurt/Paderborn 1982,20.
[5] Hoffmann, Johannes / Scherhorn, Gerhard, (Hg.), Eine Politik für Nachhaltigkeit. Neuordnung der Kapital- und Gütermärkte, (Altius Verlag) Erkelenz 2009
[6] Scherhorn, Gerhard, Nachhaltige Entwicklung. Die besondere Verantwortung des Finanzkapitals, (Altius Verlag) Erkelenz, 2008.
[7] Vgl. Burghardt, Christian, Für eine gerechte Geldordnung: Neutralgeld statt Zins, Wien 1991.
[8] Siehe dazu: Hoffmann, Johannes , Ethische Kritik des Wettbewerbsrechtes, in: Hoffmann / Scherhorn, Hg., Eine Politik für Nachhaltigkeit, a.a.O., S. 23-55




